Warum sterben gerade so viele Prominente?
Über Trauer, Zufall und moderne Todesmythen

Dolly Parton gehörte über Jahrzehnte zu den bekanntesten Stimmen der Country-Musik und wurde weit über das Genre hinaus zur Popkultur-Ikone. Ihr Tod löste weltweit große Anteilnahme aus. Foto: Union20/Wikimedia Commons, übertragen aus en.wikipedia, gemeinfrei.
Dolly Parton, Tim Curry, König Harald V. von Norwegen, Yayoi Kusama – innerhalb weniger Tage häufen sich die Nachrichten vom Tod bekannter Persönlichkeiten. Schnell entsteht der Eindruck: Warum sterben gerade so viele Prominente? Tatsächlich gibt es dafür eine überraschend nüchterne Erklärung. Und gleichzeitig einen guten Grund, warum uns solche Wochen emotional stärker beschäftigen als andere.
Man kannte sie nicht persönlich. Und trotzdem waren sie irgendwie immer da.
Dolly Parton sang Lieder, die Menschen über Jahrzehnte begleiteten. Tim Curry wurde für Millionen Zuschauer als Dr. Frank-N-Furter in der „Rocky Horror Picture Show“ unsterblich und erschreckte eine andere Generation als Pennywise in Stephen Kings „Es“. Die japanische Künstlerin Yayoi Kusama wurde mit ihren Punkten und spektakulären Installationen selbst zur Pop-Ikone. Und König Harald V. gehörte seit 1991 so selbstverständlich zu Norwegen wie das Königshaus selbst.
Nun sind sie innerhalb weniger Tage gestorben. Dolly Parton starb am 25. August 2026 im Alter von 80 Jahren. Auch Tim Curry starb am 25. August, ebenfalls mit 80. Am 28. August folgte die Nachricht vom Tod des norwegischen Königs Harald V. im Alter von 89 Jahren.
Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, kann deshalb leicht das Gefühl bekommen: Im Moment sterben ungewöhnlich viele berühmte Menschen.
Dieses Gefühl ist keineswegs neu. Nach solchen Häufungen entstehen regelmäßig Erklärungsversuche und moderne Mythen. Prominente würden „immer zu dritt“ sterben, heißt es beispielsweise. Andere glauben, bestimmte Jahre seien besonders schlimm. Eine Variante, die mir vor Kurzem begegnete: In Schaltjahren würden besonders viele Prominente sterben.
2026 ist zwar nicht einmal ein Schaltjahr. Aber solche vermeintlichen Regeln sind interessant. Denn sie erzählen weniger über den Tod als darüber, wie wir Menschen Zufälle wahrnehmen – und warum uns der Tod von Menschen berühren kann, denen wir nie begegnet sind.
Warum berührt uns der Tod eines Prominenten überhaupt?
„Ich kannte sie doch gar nicht.“
Dieser Satz fällt häufig, wenn Menschen über ihre eigene Reaktion auf den Tod eines Schauspielers, Musikers oder einer anderen bekannten Persönlichkeit erstaunt sind.
Doch persönliche Trauer setzt nicht zwingend persönlichen Kontakt voraus.
Menschen können über viele Jahre eine Beziehung zu einer öffentlichen Person entwickeln, ohne dass diese etwas davon weiß. In der Wissenschaft spricht man in diesem Zusammenhang von parasozialen Beziehungen.
Ein Sänger begleitet vielleicht die erste große Liebe. Eine Schauspielerin erinnert an gemeinsame Fernsehabende mit den Eltern. Eine Band steht für die eigene Jugend. Ein Sportler gehörte jahrzehntelang zu jedem Wochenende.
Der betreffende Mensch kennt uns nicht. Wir kennen aber seine Stimme, sein Gesicht, seine Geschichten und manchmal sogar scheinbar private Einzelheiten seines Lebens.
Das kann eine erstaunliche Nähe erzeugen.
Eine 2024 in der Fachzeitschrift „Death Studies“ veröffentlichte Untersuchung ging sogar der Frage nach, ob Trauer um Prominente grundsätzlich schwächer ausfällt als Trauer um Menschen aus dem eigenen sozialen Umfeld. Das Ergebnis war bemerkenswert: Entscheidend für die Intensität der vorgestellten Trauer war vor allem die empfundene Nähe – nicht allein die Frage, ob es sich um eine persönliche oder parasoziale Beziehung handelte.
Trauer um einen berühmten Menschen ist deshalb weder albern noch zwangsläufig oberflächlich.
Manchmal trauern wir auch um einen Teil unseres eigenen Lebens
Beim Tod einer bekannten Persönlichkeit geschieht noch etwas anderes.
Die Nachricht lautet zwar: „Dolly Parton ist gestorben.“
Was sie in uns auslöst, kann aber lauten:
Diese Zeit ist vorbei.
Plötzlich läuft im Radio ein Lied, das man seit 30 Jahren nicht mehr gehört hat. Man erinnert sich an eine Wohnung, einen Menschen, eine Reise oder einen Sommer. Vielleicht leben Menschen, mit denen diese Erinnerungen verbunden sind, inzwischen selbst nicht mehr.
Dann wird aus einer Nachricht über einen fremden Menschen eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit.
Prominente können zu Markierungen unserer persönlichen Biografie werden.
Das erklärt auch, weshalb der Tod einer Persönlichkeit für verschiedene Generationen vollkommen unterschiedlich wirken kann. Was für einen Menschen lediglich eine Meldung über einen 80-jährigen Schauspieler ist, bedeutet für einen anderen: Ein Stück meiner Jugend ist gerade verschwunden.
Dolly Parton: Wenn Millionen gleichzeitig Abschied nehmen
Wie groß solche kollektiven Beziehungen werden können, zeigt in diesen Tagen besonders Dolly Parton.
Nach Bekanntwerden ihres Todes erschienen weltweit Nachrufe, Erinnerungen und persönliche Abschiedsbotschaften. Musiker, Schauspieler und Fans teilten Erinnerungen an eine Frau, die weit über die Country-Musik hinaus zu einer kulturellen Figur geworden war.
Besonders bemerkenswert ist die Resonanz auf den Nachruf der „New York Times“. Der Journalist Trip Gabriel schrieb kurz nach der Veröffentlichung, der von Bill Friskics-Warren verfasste Nachruf sei auf dem Weg, zum meistgelesenen Nachruf in der Geschichte der Zeitung zu werden.
Ob er diesen Rekord endgültig erreicht, lässt sich derzeit noch nicht verlässlich bestätigen. Allein die enorme Resonanz zeigt jedoch, wie viele Menschen das Bedürfnis hatten, sich nach ihrem Tod noch einmal mit Dolly Partons Leben zu beschäftigen.
Auch das ist Trauerarbeit: Wir erzählen Geschichten.
Wir hören noch einmal ein Lied. Sehen einen alten Film. Lesen einen Nachruf. Erzählen jemandem: „Weißt du noch …?“
Der Verstorbene ist nicht Teil unseres persönlichen Lebens gewesen – und hat darin möglicherweise trotzdem Spuren hinterlassen.
Aber warum sterben gerade so viele Prominente?
Die kurze Antwort lautet:
Wahrscheinlich sterben gerade gar nicht ungewöhnlich viele.
Was wir erleben, ist zunächst eine statistisch durchaus erwartbare Häufung.
Forscher haben sich tatsächlich mit der Behauptung beschäftigt, Todesfälle berühmter Menschen würden sich auffällig oft ballen. Eine 2018 in „PLOS ONE“ veröffentlichte Untersuchung versuchte zunächst, den schwer fassbaren Begriff „Berühmtheit“ quantitativ zu bestimmen und untersuchte anschließend die zeitliche Verteilung der Todesfälle bekannter Menschen.
Das interessante Ergebnis: Solche Cluster gibt es tatsächlich.
Nur braucht es dafür keine geheimnisvolle Ursache.
Je nachdem, wie streng „berühmt“ definiert wird, sterben jedes Jahr Dutzende sehr bekannte Menschen. Werden genügend zufällige Ereignisse über 365 Tage verteilt, liegen zwangsläufig einige davon dicht beieinander.
Das Prinzip ähnelt dem bekannten Geburtstagsparadoxon: Bereits bei 23 zufällig ausgewählten Menschen liegt die Wahrscheinlichkeit bei mehr als 50 Prozent, dass zwei von ihnen am selben Tag Geburtstag haben.
Bei prominenten Todesfällen kommt hinzu, dass wir „gleichzeitig“ sehr großzügig definieren. Drei Todesfälle innerhalb von drei oder vier Tagen empfinden wir bereits als auffällige Serie.
Die Forscher kamen deshalb zu dem Ergebnis, dass selbst Dreiergruppen berühmter Todesfälle innerhalb weniger Tage in vielen Jahren statistisch zu erwarten sind.
Die Häufung ist also real.
Das Geheimnis dahinter ist die Mathematik.
Sterben Prominente immer zu dritt?
Dieser Mythos ist vor allem im englischsprachigen Raum als „Celebrity Rule of Three“ bekannt: Berühmte Menschen sterben angeblich in Dreiergruppen.
Und tatsächlich lassen sich eindrucksvolle Beispiele finden.
Im Juni 2009 starben innerhalb weniger Tage der Fernsehmoderator Ed McMahon, die Schauspielerin Farrah Fawcett und Michael Jackson.
Am 22. November 1963 starben sogar am selben Tag drei außerordentlich bekannte Männer: US-Präsident John F. Kennedy sowie die Schriftsteller Aldous Huxley und C. S. Lewis.
Solche Beispiele bleiben im Gedächtnis.
Was wir meist vergessen, sind all die Fälle, in denen nach zwei prominenten Todesfällen kein passender dritter folgte – oder nach dem dritten noch ein vierter, fünfter und sechster.
Unsere Regel wird nachträglich passend gemacht.
Genau darin liegt das Problem vieler vermeintlicher Todesregeln.
Und was ist mit dem Schaltjahr?
Auch die Behauptung, in Schaltjahren würden besonders viele Prominente sterben, klingt zunächst fast plausibel.
Schließlich hat ein Schaltjahr tatsächlich einen zusätzlichen Tag.
Rein mathematisch wären bei völlig gleichmäßig verteilten Todesfällen also rund 0,27 Prozent mehr Todesfälle zu erwarten als in einem normalen Jahr – schlicht, weil das Jahr 366 statt 365 Tage hat.
Das ist allerdings so wenig, dass daraus keine wahrnehmbare „Prominenten-Todeswelle“ entstehen kann.
Für einen besonderen Schaltjahr-Effekt bei prominenten Todesfällen gibt es keinen überzeugenden wissenschaftlichen Beleg.
Und das aktuelle Beispiel liefert gleich eine kleine Pointe dazu:
2026 ist kein Schaltjahr.
Trotzdem erleben wir gerade genau das Gefühl, das solchen Mythen Nahrung gibt.
Unser Gehirn liebt Muster
Dahinter steckt eine menschliche Eigenschaft, die im Alltag ausgesprochen nützlich ist: Unser Gehirn sucht nach Zusammenhängen.
Problematisch wird es, wenn wir Zusammenhänge auch dort erkennen, wo lediglich Zufall herrscht.
Hinzu kommt die sogenannte Verfügbarkeitsheuristik. Die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben bereits in den 1970er-Jahren, dass Menschen die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses unter anderem danach einschätzen, wie leicht ihnen entsprechende Beispiele einfallen.
Nach mehreren prominenten Todesfällen innerhalb weniger Tage fallen uns plötzlich sehr viele ein.
Dolly Parton.
Tim Curry.
Yayoi Kusama.
König Harald.
Die Nachrichten sind präsent. Wir sprechen darüber. Medien veröffentlichen Nachrufe und Bildergalerien. So entsteht schnell der Eindruck einer außergewöhnlichen Todeswelle.
An die drei Wochen im Mai, in denen uns keine prominente Todesmeldung besonders aufgefallen ist, erinnern wir uns dagegen nicht.
Der „Club 27“: Ein besonders hartnäckiger Todesmythos
Kaum ein Beispiel zeigt unsere Suche nach Mustern besser als der legendäre Club 27.
Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und später Amy Winehouse starben alle im Alter von 27 Jahren.
Das klingt geradezu unheimlich.
So entstand die Vorstellung, 27 sei für berühmte Musiker ein besonders gefährliches Alter.
Forscher überprüften auch diese Behauptung.
Eine im „British Medical Journal“ veröffentlichte Studie untersuchte die Todesfälle bekannter Musiker und fand keinen statistisch nachweisbaren besonderen Risikoanstieg im Alter von 27 Jahren.
Der Club 27 ist kulturell real.
Als statistisches Todesgesetz ist er es nicht.
Gerade weil Hendrix, Joplin, Morrison, Cobain und Winehouse so berühmt waren, erscheint die Übereinstimmung ihres Todesalters bedeutungsvoller, als sie statistisch ist.
Warum uns solche Mythen trotzdem faszinieren
Der Tod ist eines der Ereignisse, bei denen wir besonders schwer akzeptieren können, dass etwas einfach geschieht.
Wir suchen nach Ursachen, Regeln und Zusammenhängen.
Das kann sogar etwas Tröstliches haben.
„Immer drei“ ist eine Regel.
„Im Schaltjahr passiert das“ ist eine Regel.
„Mit 27 leben Musiker gefährlich“ ist eine Regel.
Zufall dagegen bietet uns keinen Halt.
Vielleicht sind solche modernen Todesmythen deshalb entfernte Verwandte alter Rituale und Vorstellungen. Sie versuchen, etwas Unberechenbares berechenbar zu machen.
Die Wissenschaft nimmt ihnen zwar den Zauber – aber nicht unbedingt ihre psychologische Bedeutung.
Wenn prominente Todesfälle eigene Trauer zurückbringen
Eine Häufung von Todesnachrichten kann noch aus einem anderen Grund belasten.
Sie kann eigene Verluste wieder ins Bewusstsein holen.
Ein Nachruf erinnert vielleicht an den Vater, der dieselbe Musik liebte. Der Tod eines Schauspielers an die verstorbene Partnerin, mit der man seine Filme gesehen hat. Das Alter eines Verstorbenen lässt einen an die eigenen Eltern denken – oder an die eigene Endlichkeit.
Dann geht es plötzlich gar nicht mehr hauptsächlich um den Prominenten.
Trauer verläuft nicht geradlinig. Erinnerungen können auch nach Jahren unerwartet wieder intensive Gefühle auslösen. Ein Lied, ein Geruch, ein Jahrestag – oder eben eine Nachricht.
Wer beim Tod eines Menschen, den er nie getroffen hat, plötzlich traurig wird, muss dieses Gefühl deshalb nicht kleinreden.
Es lohnt sich eher zu fragen:
Woran erinnert mich dieser Tod gerade?
Die Antwort darauf kann sehr persönlich sein.
Abschied von Menschen, die wir nie kannten
Dolly Parton, Tim Curry oder König Harald V. waren für die allermeisten von uns Fremde.
Und doch können Menschen Teil unseres Lebens sein, ohne jemals mit uns an einem Tisch gesessen zu haben.
Vielleicht haben sie uns zum Lachen gebracht. Vielleicht lief ihre Musik bei unserer Hochzeit. Vielleicht gehörte ein Film zu unserer Jugend. Vielleicht waren sie einfach jahrzehntelang da.
Ihr Tod verändert unseren Alltag kaum.
Aber er verändert etwas in der Welt, die wir kennen.
Und wenn innerhalb weniger Tage mehrere dieser vertrauten Gesichter verschwinden, fällt uns diese Veränderung besonders auf.
Dass wir darin anschließend Muster suchen – Dreiergruppen, besondere Jahre oder geheimnisvolle Altersgrenzen –, ist sehr menschlich.
Statistisch betrachtet sind solche Häufungen meist nichts Geheimnisvolles.
Dass sie uns berühren, ist dagegen sehr real.
Vielleicht müssen wir uns deshalb auch gar nicht fragen, ob wir um einen Menschen trauern „dürfen“, den wir nie persönlich gekannt haben.
Es genügt festzustellen:
Er war ein Stück unserer Geschichte. Und jetzt ist er nicht mehr da.
